Jedes Kind ist hoch begabt.

… ist das nicht ein fantastischer Satz? Und der ist nicht einmal von mir, den hat ein ganz toller Mann geschrieben und ich bin ein großer Fan von ihm: der Gerald Hüther. Zusammen mit dem Journalisten Uli Hauser haben sie dieses Buch herausgegeben. Es ist wunderbar. Es beschreibt so vieles und zeigt uns auf, welche ungeahnten Potentiale in uns allen stecken, besonders in unseren Kindern.

Wenn wir auf die Welt kommen haben wir einen enormen Überschuss an Gehirnzellen, als könnten wir einfach alles. Gott ist verschwenderisch und die Natur gibt uns von allem so viel. Genauso ist es mit den Gehirnzellen……. Ich meine buahhhh einfach Milliarden.

Was meinen wir eigentlich mit Begabung, das ist eine Frage, mit der sich die beiden Autoren gleich befassen. Für die meisten Menschen bedeutet Talent vielleicht, ein besonders talentierter Musiker zu sein, supermegagenial in Mathe, ein begabter Sportler, ein Künstler mit einem unwahrscheinlichen Talent…. Das ist es was wir Eltern, Lehrer, Talentsucher, Scouts und wer auch immer suchen.

Was ist aber mit dem, der am schnellsten auf einen Baum klettert? Der Dorf-Meister im Kirschenkerne-Weitspucken? Dem Mädchen, dass sich mit 6 Jahren schon alleine auf ein Pferd traut? Dem Schüler, der in der Schule eine fünffach-Spuckrohrkanone baut die auch noch funktioniert? Diese Talente sehen wir nicht, ... nicht wichtig…. bringt nichts…. macht man eh nichts daraus.

Schon die Verena Birkenbiehl sagte einmal in ihrer Ironisch-humorvollen Weise: „Kinder kommen mit unheimlich viel Potential zur Welt, würden sich super weiterentwickeln, käme Ihnen nicht etwas in den Weg, was wir Erziehung nennen!“

Müssen wir denn so viel erziehen, frage ich mich? Schon das Wort alleine er-ziehen, wo ziehen wir die Kinder denn hin? Meist dahin, wo wir es wollen, denn wir „wissen“ ja, was gut für sie ist. Ich weiß nicht, ganz richtig läuft der Hase nicht.

Die Schulen kommen mit ihren Lehrplänen und Methoden auch nicht wirklich nach. Reformen beschäftigen sich damit, ob wir eine Fünf- oder Sechstage - Woche einführen. Ob die Schule am Morgen um 7,55 Uhr oder doch besser um 8,04 Uhr starten sollte??? (NB: ich war bei der Diskussion zur Fünftage-Woche zufällig im Schulrat einer mir bekannten Schule, in dem eines meiner Kinder zur Schule ging, ich will ja keine Namen nennen, solche Diskussionen wurden überall geführt (fast hätte sich das Dorf gespalten in 5-Tagewoche-Anhänger und 6-Tagewoche-Befürworter.... es war grauenhaft), auf alle Fälle war mein Vorschlag: "Fragen wir doch mal die Kinder, was sie möchten." Ich sah in eine Runde verdutzter Gesichter.... die Kinder??? bekam ich zur Antwort, die wissen doch nicht was das Beste wäre! Aha.......).

Das sind keine Reformen, noch nicht einmal Reförmchen, das ist unwichtiger Schnickschnack. Immer noch ist die Schule ein Ort, wo Wissen vermittelt wird, aber nicht Freude am Lernen geteilt wird, so beschreiben es die beiden Autoren. Es ist ein von oben herab, anstatt ein miteinander auf gleicher Augenhöhe. Es wird diktiert, korrigiert, ausradiert, redigiert…. Jedes Fach ist das Wichtigste (für den jeweiligen Lehrer) und alle kleinen Soldaten…. ich meine Schüler sollen überall funktionieren.

Maria Theresia soll ja die Schule eingeführt haben zur „Züchtigung“ der Menschen. Mit dem Beginn der Industrialisierung brauchte man Arbeiter, die lange Zeit im selben Raum sein konnten, ohne viel Bewegung und ihre monotone Arbeit verrichten. Die Schule hat sie darauf vorbereitet.

Und heute noch brauchen wir Menschen, die brav im Büro sitzen und nicht viel zappeln sollen, am Bildschirm ausharren, 8 Stunden oder mehr… und dann husch husch nach Hause. Die Schule bereitet sie darauf vor.

Alle, die nicht so funktionieren sind „störenfriede“ (also sie stören einen Frieden…), verhalten sich „asozial“ (könnte eine Abkürzung für "auch sozial" sein, das wäre ja was schönes), sind „hyperaktiv“ (also aktiv sein finde ich auch toll, aber das geht in der Schule nicht und im Büro nachher auch nicht (die schönere Abkürzung ist ja ADHS, das klingt medizinischer und es gibt auch eine schöne Pille dafür).

Ja klar, werdet ihr sagen, wie soll denn eine Lehrkraft mit 20 Kindern in der Schule zurechtkommen, wenn die Disziplin fehlt? Da geb ich euch schon Recht, es ist schon OK sich an Regeln zu halten. Ich spreche aber von der Essenz des Unterrichts. Fakt ist, dass die Schüler auf die nächste Prüfung oder Schularbeit lernen und bereits eine Woche später 50% davon wieder vergessen haben, am Ende der Schule bleibt noch ca. 10% von dem übrig, was sie gelernt haben. Reicht das? Ist es das wert, dass sie sich von Prüfung zu Prüfung kämpfen, zu Hause Druck bekommen, die Nachmittage hinter Büchern verbringen, anstatt die Welt zu entdecken? Ist es das wert? Zu lernen wie man brav, still, gehorsam, unterwürfig, klein und unwichtig ist? Ich sage NEIN. Der Preis ist zu hoch.

 

Neulich saß ich bei einer Freundin und sie sagte mir (die Frauen reden mich andauernd zum Thema Schule an….. aber ich red ja gerne mit Frauen)… sie meinte: „mein Sohn, der kommt ja mit einer Lehrerin überhaupt nicht aus, die behandelt ihn einfach ungerecht und von oben. Aber ich hab ihm schon gesagt, damit musst du zurechtkommen, du wirst immer im Leben auf Leute stoßen, mit denen es nicht so geht, das ist halt so“. (Ich kann gar nicht mehr zählen wie oft ich diesen Satz schon von Eltern gehört habe… ooooooofffft. Und meisten sagte ich, ja ja, das  ist so, so ist das Leben).

Aber dieses Mal sagte ich „NEIN, das muss er nicht. Es ist nicht OK, dass ihn eine ‚Autoritätsperson‘ ungerecht behandelt. Er soll sich nicht daran gewöhnen und damit klarkommen.“ Erstaunt meinte sie „ja doch, die Welt ist so, sie funktioniert so“. Und ich: „Nur weil sie so ist, bedeutet es nicht, dass es gut ist, und funktionieren tut es eben nicht gut so. Es ist beschissen und vieles in der Welt läuft schief.“ 

Was meint ihr, was geben wir unseren Kindern mit, wenn wir sagen, es ist OK, dass dir eine „Obrigkeit“ auf den Kopf schei…. Es ist OK, dass du gedemütigt wirst, unfair behandelt wirst, und das musst du halt hinnehmen. Im Leben wird es dir öfter so ergehen. Na danke, wird sich dieser Jugendliche dann denken, schönes Leben, so will ich das gar nicht. Aber er wird es glauben, denn er hat es so erlebt, und sobald er die Gelegenheit bekommt und in der Position ist, dann wird er einem „unter ihm“ eins auf die Mütze geben, weil „das ist halt so“.

 

Wie wäre es, wenn unsere Kinder erfahren könnten, dass das Leben ein Ort des Glücks ist, in dem wir uns gegenseitig unterstützen, uns helfen. Wenn die Familie und die Schule ein Ort der Begegnung auf gleicher Augenhöhe wird, wo wir von Erwachsenen auf bestimmte Situationen des Lebens vorbereitet werden, wo wir etwas lernen können, das wir für unseren Beruf brauchen werden. Es ist OK Mathe, Naturwissenschaften und Sprachen zu lernen. Es wäre auch schön wenn unsere Kinder lernen könnten, dass sie großartige Wesen sind, dass sie Talente haben und diese auch entdecken und fördern können, dass sie das tun können, was ihnen Spaß macht, nicht nur was im Lehrplan steht. Dass sie ihren Interessen und ihrer Neugierde nachgehen können. Dass sie lernen, wie wir uns gegenseitig unterstützen, im Team arbeiten, jeder seinen Fähigkeiten entsprechend.

Wenn sie erfahren könnten, dass Fehler etwas Wunderbares sind, unsere größten Lehrmeister. Hört euch mal den Stephen Hawkin an, wenn er erklärt, wie unser Universum entstanden ist. Am Anfang war alles irgendwie eine endlose riesige Gaswolke, dann passierte ein Fehler in diesem System, das erst hat eine Reaktion von Schwerkraft und Anziehungskräften entwickelt, die unser gesamtes Weltall und alle Galaxien geformt haben. Ein FEHLER.

 

Und wir reiten auf unseren Fehlern herum und auf denen unserer Kinder und belehren und streichen sie rot an und eiern und plagen sie damit, anstatt sie nur als eines zu erkennen, als das was sie sind: unsere Lehrmeister, unsere Meilensteine im Leben.

Shit…. Jetzt bin ich wieder vom Thema abgekommen…. oder auch nicht, aber über das Buch habe ich jetzt nicht so viel geschrieben…. oder auch schon. Lest es einfach, wenn es euch anzieht. Es ist bereichernd und ihr werdet eure Kinder mit anderen Augen sehen. Ist auch für Jugendliche interessant……

 

 

Markus Lintner

 

NB: Einige interessante Links zum Thema schlagen die beiden Autoren in ihrem Buch vor: